Mariza (Westdeutsche Zeitung, April 2006)

Mariza, die Diva des Fado, über ihre Wurzeln, ihr aktuelles Album »Transparente« und ihre Art, den Fado zu singen.

Der Fado gilt als die Musik Portugals, aber seine Wurzeln liegen vor allem in den Arbeitervierteln Lissabons. Nicht zuletzt durch Sie hat der Fado internationale Beachtung gefunden. Haben Sie den Fado mit Ihrer Musik revolutioniert?

Der Fado hat sich immer verändert, weil er eine mündliche Tradition besitzt. Es ist wie mit dem Tango in Buenos Aires. Meine Interpretation des Fado respektiert die Tradition, in diesem Sinne habe ich ihn nicht revolutioniert. Ich singe ihn nur auf meine Art. Mouraria, der Stadtteil wo ich aufgewachsen bin, ist so etwas wie die Bronx von Lissabon. Dort ist der Fado im 19. Jahrhundert entstanden. Es war das Viertel der Prostituierten und der Nachtlokale, der Fischverkäufer und der Seeleute. Kleine Leute eben – aber mit großen Leidenschaften.

Muss man, um Fadista zu werden, dort geboren sein?

Es hat mich sehr geprägt. Dort lebt der Fado. Ich singe seit meinem fünften Lebensjahr. Als Kind habe ich in der Kneipe meiner Eltern und auf der Straße Fado gehört. Die Straße ist die beste Fadoschule. Und die Leute in der Mouraria singen ihn nicht nur, sie leben ihn.

Was macht diese Lebensweise des Fado aus? Die meisten denken dabei wohl zuerst an Traurigkeit, Weltschmerz…

Fado ist viel mehr als das. Fado ist eine intensive Art zu leben, seine Gefühle zu zeigen. Liebe, Eifersucht, Leidenschaft – alles gibt es im Fado, aber auch im täglichen Leben. Und er ist natürlich unser nationales Kulturerbe.

…dass Sie zur Weltmusik gemacht haben. Sie haben dem Fado neue Impulse gegeben, etwa indem Sie mit Künstlern aus Brasilien zusammen arbeiten.

Ich habe vielleicht Brücken geschlagen zwischen den portugiesischsprachigen Ländern. Ich bin in Moçambique geboren, in Portugal aufgewachsen und habe in Brasilien gelebt. Aber diese Kulturen trägt der Fado schon immer in sich. Seine Wurzeln liegen in Afrika, er ist die Musik Portugals, aber taucht zum ersten Mal in Brasilien auf. Da war es nur logisch, »Transparente« in Brasilien aufzunehmen.

…um der Melancholie des Fado ein wenig brasilianische Lebensfreude beizumischen?

Sehen Sie, genau dieses Stereotyp möchte ich widerlegen. Fado ist nicht nur Melancholie. Fado ist eine Entdeckungsreise durch das Universum der menschlichen Leidenschaften. Die Portugiesen sind nicht nur melancholisch, und Fado ist es ebenso wenig.

Geben Sie mit Ihrem Album »Transparente« Einblick in Ihre eigenen Leidenschaften, wie der Titel vermuten lässt?

Es gibt eine gewisse Logik darin. Mein erstes Album hieß »Fado em mim«, weil es die Musik war, die ich in mir trug. Ich habe es während eines Jahres in Lissabon aufgenommen. Sobald ich etwas Geld übrig hatte, ging ich ins Studio. Ich nahm die Musik auf, die ich schon immer gehört hatte – traditionelle Fados. »Transparente« ist wieder ein sehr persönliches Album, aber in einem anderen Sinn. Ich musste niemandem mehr beweisen, dass ich eine große Fadosängerin bin. Es sind keine traditionellen Fados – ich habe aus unzähligen Gedichten bekannter portugiesischer Dichter diejenigen ausgewählt, die sich am besten eignen, als Fado gesungen zu werden.

Singen Sie trotz Ihres enormen internationalen Erfolges noch in den traditionellen Bars in Lissabon?

Unbedingt. Mouraria hat leider keine Bars mehr, wo Fado gesungen wird. Wenn ich in Lissabon bin, singe ich im Bairro Alto. Ich brauche den Kontakt zu den Wurzeln des Fado – und zu meinen eigenen.

Macht es einen Unterschied, vor großem Publikum aufzutreten oder in einer kleinen Bar vor zwanzig Leuten?

Für mich ist es dasselbe, ich bin dieselbe Person – auch wenn das Publikum anders ist oder das Ambiente. Ein amerikanischer Journalist begleitete mich einmal in eine winzige Tasca in Lissabon. Freunde von mir haben dort Fado gespielt, also habe ich auch gesungen. Er hatte mich zuvor in der Carnegie Hall gesehen und konnte das gar nicht glauben.


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