C´est la visa - Wie europäische Konsulate afrikanische und asiatische Musiker am Auftreten hindern (Freitag 34, 22.08.2008)

Wie europäische Konsulate afrikanische und asiatische Musiker am Auftreten hindern

In diesem Sommer hat es die Band Konono N° 1 getroffen. Den Musikern aus der Demokratischen Republik Kongo, wurde das Visum für die Einreise verweigert. Weder Frankreich noch Schweden ließen die seit 25 Jahren existierende Band, deren CDs in Europa mit großem Erfolg veröffentlicht wurden, ins Land.

Europa ist dabei, sich kulturell abzuschotten und zu verlieren, was es ausgezeichnet hat – den Kontakt zu und das Interesse an fremden Kulturen. Wenn heute über Globalisierung gesprochen wird, dann geht es meist um deren wirtschaftliche und soziale Folgen. Dabei hat die Globalisierung auch einen kulturellen Aspekt. Mit dem Warenaustausch, mit dem weltweiten Kommunikationsnetz, den Migranten und neuen Nomaden der globalen Elite ist die kulturelle Produktion mobil geworden. Die Popmusik ist von Anfang an ein globales Phänomen gewesen, das der Westen in alle Welt exportiert hat genauso, wie sie fremde Elemente integriert hat. Indische Sitar-Musik, lateinamerikanische Rhythmen oder die Welle der Balkanmusik sind dafür Beispiel. Während jedoch die Musik selbst nahezu frei zirkuliert und ständig neue Entdeckungen auf den globalen Markt drängen, wird es den Künstlern, die die Musik schaffen, schwerer gemacht, zu Konzerten nach Europa zu reisen.

Schuld daran sind die strengen Visaregelungen der Schengen-Staaten – und deren Auslegung durch die Konsulate. Botschaftsangestellte können mit fast grenzenloser Willkür über die Vergabe von Visa entscheiden, die Verfügungen sind nicht einmal begründungspflichtig.

Vor allem Künstler aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten haben mit immensen Schwierigkeiten zu kämpfen. Dahinter steckt die Furcht vor illegaler Immigration und Terrorismus. Konzertveranstalter versuchen, darauf zu reagieren. Sie geben finanzielle Garantien, bürgen für die Künstler und kommen für die wiederholten Besuche der Künstler bei Botschaften und Konsulaten auf. Um etwa ein Visum für Großbritannien zu erhalten – das nicht zu den Schengen-Staaten gehört – müssen Musiker aus Mali zum britischen Konsulat nach Senegal reisen. Solche Reisen sind nicht nur zeitraubend, sie überfordern finanziell viele Künstler und Veranstalter – zumal nicht garantiert ist, dass das Visum auch erteilt wird. Denn obwohl es für alle Staaten einheitliche und verbindliche Vorschriften gibt, sieht die Praxis mitunter bizarr aus. Neben den obligatorischen – und eigentlich ausreichenden – Garantien und Bürgschaften der Veranstalter, verlangen einige Botschaften Steuerbescheide, Nachweise der künstlerischen Tätigkeit oder andere “Beweise”, wie der senegalesische Produzent Assane Ndoye zu berichten weiß: “Ich kenne Fälle, wo Musiker von den Behörden aufgefordert wurden, vorzuspielen, um einzuschätzen, ob sie tatsächlich professionelle Musiker seien.” Viele der Musiker passen jedoch nicht in das europäische Schema des freiberuflichen, professionellen Künstler. Sie arbeiten nebenher in ihren Berufen und treten auf Dorffesten, bei Hochzeiten oder lokalen Festivals auf. Abrechnungen, Steuerbescheide oder eine offizielle Klassifizierung als Künstler existieren in einigen Ländern schlicht nicht. Dabei würde es schon ausreichen, einen Blick in die Kataloge der World-Music-Labels zu werfen oder sich das Programm von Festivals anzuschauen.

Kulturelle Bildung gehört aber offensichtlich nicht zur Ausbildung des Botschaftspersonals. Frankreich und Deutschland sind besonders berüchtigt für die Steine, die sie Künstlern in den Weg legen. Andere Länder, wie Schweden oder Portugal, sind für eine liberalere Praxis bekannt.

Europa stellt sich damit nicht nur ein kulturelles Armutszeugnis aus, es vergibt auch Chancen zu einer Entwicklungshilfe, die den Namen verdiente. Schließlich sind die Einnahmen, die afrikanische, asiatische oder lateinamerikanische Künstler bei ihren Tourneen erzielen, ein wichtiger Teil für deren Lebensunterhalt. Kulturelle und wirtschaftliche Globalisierung gehen so gesehen Hand in Hand. Die Praxis sieht aber eher so aus, dass die Brücken, die die staatlichen Kulturinstitute und unabhängigen Veranstalter bauen, von den Behörden und der Bürokratie wieder eingerissen werden.


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