Schlusslicht und Zukunftsvision – Portugals Rolle in Europa (auf englisch in der »German Times«, April 2007)

Als der FC Porto im Jahr 2004 die Fußball-Champiosleague gewann, war das für die fußballverrückten Portugiesen eine Art Absolution: Man war in Europa angekommen, und zwar nicht als Schlusslicht, wie so oft in den Statistiken zur Wirtschaftskraft oder zum Lebensstandard, sondern an der Tabellenspitze. Ein Spieler des FC hatte zuvor für einige Diskussion gesorgt. Deco, Brasilianer und brillanter Mittelfeldspieler, sollte eingebürgert werden, um rechtzeitig zur Europameisterschaft für die portugiesische Nationalmannschaft auflaufen zu können. Ein drittes Ereignis im Zusammenhang mit dem Club ließ die portugiesische Seele brodeln: José Mourinho, Trainer des FC, wechselte nach dem größten Erfolg seines Vereins zu Chelsea London.

Drei Ereignisse, die das kleine Land am Atlantik recht gut charakterisieren: Der Anspruch, zu den erfolgreichen europäischen Nationen aufzuschließen, die Schwierigkeiten mit der kolonialen Vergangenheit und die Abwanderung der Erfolgreichen – das ist der Dreiklang, der Portugals Identitätskrise recht gut umschreibt. Es stimmt, das Land ist in vielen Dingen rückständig. Das Klischee der Reiseprospekte, die mit Saudade und Fado werben, und die stereotypen Aussagen der an der Algarve lebenden deutschen Rentner und Aussteiger, die das „einfache Leben“ suchen, ist leicht zu finden, wenn man nicht tiefer in das Land hineinschaut, als es Reiseprospekte und Aussteiger aus der Gesellschaft in der Regel tun. Zwischen den verfassungsmäßig verankerten Institutionen und der Realität einer schwachen öffentlichen Hand klafft mitunter eine große Lücke. Dezentralisierung, Verschlankung des staatlichen Sektors und Bürokratieabbau gehen seit dem EU-Beitritt nur schleppend voran. Was kann Land, das zu den kleinen Europas gehört und nicht nur geografisch zur Peripherie gehört, zur Lösung von Europas Problemen beitragen?

Portugal ist das europäische Land mit den meisten Verbindungen zu außereuropäischen Kulturen – und das seit mehr als 500 Jahren. Das portugiesische Kolonialreich umfasste weit mehr als Brasilien – allein fünf afrikanische Staaten, einige Städte Indiens, das heute chinesische Macau und Ost-Timor, einer der jüngsten Staaten der Welt, sind aus der Konkursmasse des lusitanischen Überseeimperiums hervorgegangen. Im Gegensatz zu den spanischen Conquistadores, die zeitgleich ihr amerikanisches Imperium errichteten und für Kolonisierung gleich Eroberung und Genozid bedeutete, verfolgte Portugal jedoch einen anderen Weg der Kolonisierung durch Handel, Dialog und ethnische Vermischung. Auf diese Weise fand, weitgehend unbeachtet vom Rest der Welt, etwas statt, was in unserer Zeit als größte Herausforderung der Menschheit gesehen wird – Globalisierung, die auf gegenseitigem Respekt beruht. Der Soziologe Boaventura de Sousa Santos vom Zentrum für Sozialstudien der Universität Coimbra sieht darin einen Vorteil Portugals gegenüber anderen EU-Ländern, den es allerdings nicht zu nutzen versteht. Portugal ist sich selbst fremd, dem Vorbild der reichen Länder Europas verhaftet, statt einen eigenen Beitrag zur europäischen Identitätssuche zu leisten, so Sousa Santos.

Zu klein, um eine wirkliche Kolonialmacht zu sein, wurde Portugal selbst fast zu einer europäischen Kolonie, wirtschaftlich und politisch abhängig von mächtigen Verbündeten wie Großbritannien. Noch der väterlich-autoritäre Dikator Salazar träumte von einem Weltreich „vom Minho bis nach Timor“. War der portugiesische Kolonialismus in der Anfangszeit noch als „milde Version“ der spanischen Eroberung erschienen, zeigte er sich in seinen letzten Jahrzehnten gewalttätiger und unnachgiebiger als andere Kolonialmächte. Portugal erlebte auf dem afrikanischen Kontinent ein 13 Jahre dauerndes „Vietnam“ mit Guerrillakriegen in Angola, Moçambique und Guinea-Bissau. Das Ende kam 1974 mit einem Militärputsch, der auf weite Teile der Bevölkerung übergriff. Die oft romantisch verklärte „Nelkenrevolution“ leitete den Demokratisierungsprozess ein, der Portugal auf den Weg nach Europa brachte.

Der Beitritt zur EWG im Jahr 1986 bedeutete formell die Integration in die Europäische Gemeinschaft, führte jedoch auch zu Desintegrationsprozessen in einer Gesellschaft, die stärker als jede andere in Europa außereuropäisch geprägt war. In den Jahren 1974 und 1975 kamen etwa 1 Million so genannte Retornados, Rückwanderer aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien ins Land, das zu jener Zeit knapp 10 Millionen Einwohner hatte. Eine Integrationsleistung, die fast ohne staatliche Steuerung erfolgte, denn der Staat hatte mit sich selbst zu tun. Für viele Retornados bedeutete das nach der Vertreibung eine weitere traumatische Erfahrung: Das Mutterland kümmerte sich nicht um sie. Sie waren Portugiesen zweiter Klasse, aufgewachsen und erzogen in einem autoritären System, das „Portugals strahlende Größe“, wie es in einer Zeile der Nationalhymne heißt, noch für wirklich hielt, als es längst an allen Ecken des Reiches bröckelte. Für viele Retornados war es der erste Kontakt überhaupt mit Portugal und einer um Umbruch befindlichen Gesellschaft. Ressentiments gab es auf beiden Seiten. Nicht wenige der Rückkehrer lebten weiterhin in einer imaginären kolonialen Welt, als Portugal längst dabei war Europa zu entdecken. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, den die europäische Integration brachte, wurde Portugal vom ehemaligen Auswandererland zur Einwanderernation. Die Retornados und Immigranten aus Brasilien, Angola oder von den Kapverden waren zwar Fremde und erfuhren nicht selten einen Rassismus, den es nach offizieller Lesart nicht gab, aber sie kamen mit einem großen Schatz im Gepäck: der Sprache, die sie mit den Portugiesen verband. Die Kolonien waren zwar verloren, doch das Gefühl blieb, ein postkoloniales Zentrum zu sein. Nicht wenige kamen nur deshalb, weil es in Portugal leichter war, Fuß zu fassen. Und sie zogen weiter in die reichen Länder Europas, sobald sich die Möglichkeit dazu ergab.

Seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts stellen Ukrainer die zweitgrößte Gruppe der Immigranten nach den Brasilianern. Die neuen Einwanderer aus Osteuropa sprechen russisch – und sie passen nicht in das verklärte Konzept einer postkolonialen „Lusophonie“, einer identitätsstiftenden Gemeinschaft der portugiesischsprachigen Welt. Sie verrichten die gleichen Arbeiten wie portugiesische Emigranten in Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg oder der Schweiz – als Bauarbeiter, Haushaltshilfen oder Taxifahrer. Und sie haben dazu beigetragen dass Lissabon heute nach London die wohl multikulturellste Stadt Europas ist. Doch es fehlt der portugiesischen Politik und auch der Gesellschaft das Bewusstsein dafür. In Amadora, einer Satellitenstadt im Westen Lissabons, hat man in manchen Straßen den Eindruck, Europa bereits verlassen zu haben und sich in einer afrikanischen Stadt zu befinden. Aber auch im „Bairro das Colónias“, einem kleinbürgerlichen Viertel im Herzen Lissabons, wo die Straßen nach den ehemaligen Kolonien benannt sind und leben viele Angolaner, Senegalesen, Inder und Marokkaner – zusammen mit Portugiesen. Im Lapa-Viertel unweit des Parlamentsgebäudes gibt es Straßen, in denen fast ausschließlich Kapverder leben. Sie alle sprechen die gleiche Sprache, das verbindet. Aber auch diejenigen, deren Muttersprache nicht Portugiesisch ist, sind nicht mehr zu übersehen.

Auf Plakatwänden werben Banken und Telekommunikationsunternehmen auf Russisch. In der Mouraria, dem ehemaligen Maurenghetto, kann man in einem illegalen Restaurant chinesisch essen – wirklich chinesisch, ohne europäische Einflüsse, denn die Angestellten und Betreiber sind illegale Einwanderer und sprechen kein Wort portugiesisch. Das sehen die meisten Touristen nicht, wenn sie im schicken Chiado-Viertel shoppen gehen oder in Belém am Tejo flanieren. Aber auch viele Portugiesen haben ein anderes Bild, wenn sie von ihrem Land erzählen. Das portugiesische Imperium hat sich seit Jahrhunderten gegen die Wirklichkeit behauptet in den Köpfen von Politikern, Intellektuellen und auch bei der Masse der Bevölkerung. Das es nie existierte, scheint keine Rolle zu spielen. Eine Fiktion, die zu einem „mythischen Überschuss“ der Identität führt, wie Boaventura de Sousa Santos es ausdrückt. Er plädiert denn auch für mehr Realismus und Pragmatik – und die würde auch Europa gut tun bei seiner Identitätssuche. Europa entstand erst in dem Moment, als es seine Grenzen überschritt. Die Errungenschaften Europas sind erst aus seiner Auseinandersetzung mit Amerika, Afrika und Asien entstanden, eine Tatsache, die man gerne ausblendet, weil sie von Sklaverei, Genozid und Kolonialismus erzählt. Da bildet Portugal keine Ausnahme, aber die portugiesische Geschichte ist reich an Beispielen, die auch die andere Seite zeigen. Das Klischee, Portugal sei nicht mehr wirklich Europa, sei bereits ein Stück Afrika, ist nicht von der Hand zu weisen, nur die Perspektive stimmt nicht ganz: Portugal ist sehr wohl Europa, mehr vielleicht als die Staaten des Nordens wahrhaben wollen. Es wie in José Saramagos Roman »Das steinerne Floß«, in dem die iberische Halbinsel von Europa abbricht und aufs Meer treibt, unentschlossen, ob sie zu Europa, Amerika oder Afrika gehört. Nur das sich in unserer Zeit ganz Europa, Amerika und Afrika aufeinander zubewegen. Wer nach Lissabon reist, kann also nicht nur einen Blick in die große Vergangenheit einer kleinen Nation werfen, sondern auch die Zukunft Europas erahnen. Ganz unverklärt wird man sich damit auseinandersetzen müssen. Es wird Zeit, das Europa das begreift.


    Schlagwortsuche


    Daniel Schmidt
    Rua Leite de Vasconcelos 32 3° dto.
    1170-200 Lisboa/Portugal
    Tel. DE: +49 177 66 84 084
    Tel. PT: +351 91 200 48 77
    schmidt(at)denkenundschreiben.de