Abseits zu liegen hat au ch Vorteile und eröffnet überraschende Perspektiven (»Das Magazin«, Juni 2007)

Der Alte mit den leuchtenden Augen sucht mit sicherem Blick die Küste ab. Heute würden wir keine Wale mehr sehen. Durch das Funkgerät knarzt seine Stimme und dirigiert unseren Steuermann. Lange bevor wir sie sehen, hat er die Delfine bereits ausgemacht, und das obwohl sein Ausguck ein paar Kilometer entfernt von unserer Position auf den Klippen steht. Plötzlich sind sie um uns, Ausguck-John, wie er von den Bootsführern genannt wird, hat uns mitten in den Schwarm geführt. Wahrscheinlich könnte er von seinem Turm dort oben eine Makrele im Ozean noch bei Windstärke zehn erkennen. Leute wie er sind wichtig fürs Geschäft mit den wenigen Touristen. Zwei Duzend Wal- und Delfinarten in den Gewässern der Azoren, aber nur ehemalige Walfänger wie Ausguck-John haben jenen Blick, der sie aufspürt, lange bevor sie auftauchen. Ohne die Alten, die noch mit der Harpune Pottwale gejagt haben, hätten die Männer auf den Zodiac-Booten, keine Chance. Das Schlauchboot brettert hart über die Wellen, ein Dutzend Touristen hat auf den schmalen Sitzbänken Platz. Wie Rodeoreiter klammern sie sich an die Edelstahlgriffe, um nicht abgeworfen zu werden.

Nein, über Bord sei noch keiner gegangen, sagt Camilo, lediglich ein älterer Herr hätte einmal einen Bandscheibenvorfall erlitten, als das Boot eine Welle schnitt und auf die Wasseroberfläche krachte.

Camilo spricht ein brasilianisch eingefärbtes Portugiesisch, immer wieder durchmischt mit englischen Wörtern. Seine Sätze klingen schmeichelnd. Camilo war noch nie in Brasilien, er hat seine Inseln noch nie verlassen.

Pico ist die zweitgrößte Azoreninsel, aber auf ihr leben nur etwa 20.000 Menschen. An der Südküste liegt Lajes, einstmals ein berühmter Walfängerort. Der Azorianer aus Hermann Melvilles „Moby Dick“ ist ein Beispiel für Tausende, die auf den Booten anheuerten, die an der Ostküste der USA stationiert waren und auf einem Zwischenstopp auf den Azoren neben Proviant auch ihre Mannschaft komplettierten. Heute leben in den USA mehr als 2 Millionen Nachfahren von Azorianern. Auf allen Inseln zusammen gibt es ungefähr 240.000.

Fast jeder hier spricht englisch, vor allem die Alten. Globalisierung ist auf den Azoren etwas, das nicht erst seit Ende des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielt. Portugals Expansion im 15. und 16. Jahrhundert war so etwas wie der Startschuss der weltweiten Vernetzung. Die Azoren waren ein wichtiger Außenposten bei diesem Unternehmen, strategisch günstig gelegen wurden sie zum Umschlagplatz zwischen Amerika, Afrika und Europa. Außer den Portugiesen kamen vor allem Flamen. Mit den Händlern auch die Piraten. Außer mutigen Männern gab es jedoch nicht viel zu exportieren. Der Walfang, wie er auf den Inseln betrieben wurde, war nicht zu vergleichen mit dem industriellen Schlachten in den Zentren der amerikanischen Ostküste. Die meisten Azorianer waren Bauern und fuhren nebenbei aufs Meer. Diese Mischung, seit Jahrhunderten praktiziert, prägt die Insulaner bis heute. So abgeschieden diese Inseln sind, so sehr verblüfft das Kosmopolitische, das einem hier auf Schritt und Tritt begegnet. Wenn es einen Ort und Menschen gibt, die global und lokal zugleich sind, glocal wie es die Vordenker der Globalisierung sagen, dann hier.

In Europa hat sich dagegen eher das Bild von idyllischen Inseln, wo die Welt intakt ist und die Menschen im Einklang mit der Natur leben, erhalten. Die Natur der Inseln ist üppig grün, aber mit einem Paradies haben die Weidenflächen nicht viel zu tun. Ohne großzügige EU-Subventionen gäbe es die Milchwirtschaft nicht mehr. Es gäbe auch keine Arbeit mehr, und die Natur könnte vielleicht die ihr zugefügten Wunden heilen.

Für das Weideland wurde der endemische Lorbeer- und Heidewald abgeholzt. Jetzt hat man mit Bodenerosion zu kämpfen, der Kuhmist verschmutzt das Trinkwasser, das besonders sommers schon mal knapp wird, trotz der zahlreichen Niederschläge.

Drei Tage Regen und Sturm sind auch im Juli nichts Ungewöhnliches.

Das berühmte Azorenhoch steht zwar für gutes und stabiles Wetter, sein Mythos gründet sich allerdings auf die ersten Transatlantikkabel, deren Relaisstationen sich auf den Inseln befanden. Da lag es nahe, auch Wetterstationen einzurichten, weil alles, was sich auf den Azoren zusammenbraut irgendwann bei uns ankommt.

Im zweiten Weltkrieg spielten die Inseln eine bedeutende Rolle für den Sprung über den Atlantik. Die Bomber der US Air Force landeten unter anderem auf der kleinen Insel Santa Maria zwischen, um aufzutanken. Obwohl das Salazar-Regime in Portugal pro-faschistisch eingestellt war, unterhielt man gute Beziehungen zu den Alliierten. Heute ist es ruhig geworden. Die Kasernen sind verwaist oder zu Ferienresorts umgebaut. Statt der Kabel verbinden Satelliten die Neue mit der Alten Welt, und auch das Wetter wird aus dem All beobachtet.

Geblieben ist das Azorenhoch. Geblieben oder zurück gekommen sind auch Leute wie Ausguck-John, Camilo und viele, die ihren Ruhestand in der alten Heimat verbringen wollen.

Auf den Azoren liegen die Dinge eben anders – auch die Kontinente wirken seltsam verschoben von hier aus betrachtet. Ein „atlantisches Denken“, eine Symbiose aus alter und neuer Welt, schwebte dem portugiesischen Dichter Fernando Pessoa in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vor. Wenn es einen Ort gibt, wo der „Atlantismus“ seinen Ursprung hat, dann hier.

Ankunft im Hafen von Velas, auf der Insel São Jorge. Der Taxifahrer jubelt, weil Benfica das entscheidende Tor schießt, um Meister zu werden. Es ist der letzte Spieltag der ersten Liga, Benfica und der ewige Rivale FC Porto kämpfen um den Titel. Kurze Zeit später gibt es bereits so etwas wie einen kleinen Autokorso über die Insel. Heute abend sind alle Benfiquistas, sagt mein Fahrer und fährt davon.

Am nächsten Tag hängen die Wolken tief, der Nebel im Hochland der Insel wird dichter, bis er schließlich wie Wasser in der Luft hängt. Der Milchbauer, der seinen Mitsubishi-Pick-up durch diese Watte steuert, ist dieses Wetter gewöhnt. Überhaupt scheint er mit der Insel verwachsen zu sein wie der Alm-Öhi mit seinen Schweizer Bergen. Er spricht von den Leuten wie von langjährigen Bekannten. Zweimal am Tag fährt er zum Melken auf die Weide ins Hochland. Käse ist der größte Exportartikel der Insel. Das meiste wird auf dem Kontinent verkauft. Der Kontinent – aus dem Mund meines Fahrers klingt das wie „Übersee“. Der Käse von São Jorge, so versichern die Insulaner, sei dem italienischen Parmesan ebenbürtig. Gibt es denn auf dieser Insel irgendwo echten Parmesan zu kaufen? Besucher vom Festland sagen das, die wenigen Ausländer, die hierher kommen. Der Pick-up quält sich über einen Feldweg. Hart sei es schon das Leben auf der Insel, der Preis, den die Kooperativen den Bauern für ihre Milch zahlen ist gering, aber zumindest garantiert – dank der EU-Subventionen. Ob das Leben auf dem Kontinent nicht einfacher sei – auf diese Frage folgt ein kurzer Abriss seines Lebens, der wieder einmal, wie so oft hier, die Dinge in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn ich mit dem Kontinent Portugal meinte, dann keineswegs, sagt unser Fahrer. In Angola, ja da sei es einfacher gewesen, bis der Krieg kam. Da gab es fruchtbare Böden, da hatte man viel Land und ein gutes Leben. Und in Brasilien, da sei es noch viel härter gewesen, die Armut größer und die Familie durchzubringen schwieriger.

Angola, Brasilien, Europa – das ist das Verstörende an diesem vergessenen Flecken Erde, diesen neun Inseln, die unentschlossen im Atlantik dümpeln, als könnten sie sich nicht entscheiden, wohin sie gehören. Vielleicht wollen sie gar nicht irgendwo dazu gehören, aber abgeschottet vom Rest der Welt lebt man hier bestimmt nicht. Wer nicht mit einer langmütigen Inselmentalität gesegnet ist, den hält es nicht hier, aber viele kommen irgendwann zurück, so wie die Wale, die auf ihren Reisen rund um den Globus immer wieder vor den Inseln auftauchen.

Hier verlieren sich Begriffe wie peripher oder Zentrum, hier wechselt die Perspektive ständig, kreist um eine imaginäre Mitte – atlantisches Denken eben. Unentschlossen zwischen drei Kontinenten und dennoch in sich ruhend. Mit einem Blick vom Rand sieht man mitunter mehr, als wenn man die Dinge direkt ansieht. Vielleicht ist das auch Ausguck-Johns Geheimnis, wenn er von seinem Turm aus aufs Meer späht und nach Walen sucht. Vielleicht erklärt sich so Camilos Sprache, die im Dreieck pendelt, und nur so lässt sich ein Milchbauer verstehen, ein Insulaner, der auf drei Kontinenten lebt. Sie sind so beiläufig weltgewandt einerseits und so zutiefst provinziell andererseits, nicht ganz das Eine und nicht ganz das Andere.


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