Pedro Paixão - Porto in vier Farben (aus dem Portugiesischen)

”Fick meine Möse, aber meine Seele fickst du nicht.” Genau das sagte sie. Nicht zu mir. Zu wem hatte ich nicht mitgekriegt. Sie erzählte mir irgendeine Geschichte und dieser Satz war der einzige, der in meinem Kopf wider hallte. Auf einer Terrasse in Foz, Pfefferminztee trinkend und das Meer betrachtend, daran erinnere ich mich genau, der ich nie in Porto gewesen war und nicht wußte, dass es so ein Meer gibt, abgesehen davon, dass das Meer, wo auch immer, stets Meer bleibt und ich kein Dichter bin.
Ein Schweißtropfen lief ihren Hals hinunter, ich sehe ihn noch deutlich vor mir, während sie redet, ohne dass ich höre, was sie sagt. Nicht dass es mich nicht interessiert hätte, nur dachte ich gerade an etwas anderes. Vielleicht interessierte mich die Art, wie ihr Kopf sich an ihren Körper anschloß, und die Arme weiter unten, und alles Übrige, dass von einem verlangt, erst mit allem aufzuhören, um wieder neu beginnen zu können. Aber nicht an sie dachte ich. Auch nicht an mich. Oder an eindeutige Dinge zwischen mir und ihr.
Nein, ich schweife nicht ab, obgleich es, glaube ich, nicht verkehrt wäre, ein bißchen abzuschweifen, vor allem wenn man nichts weiter zu tun hat. Aber ich habe etwas zu tun. Ich will eine Begebenheit erzählen, auf eine Art und Weise, dass man sie versteht und danach muß ich arbeiten gehen. Ich werde also von vorne anfangen.

Es war das erste Mal, dass ich in der Stadt Porto war. Ich kam mit einem Zug an, der Lissabon am Nachmittag gegen drei verlassen hatte, ich erzähle das nur, weil ich es komisch fand, alle Leute eingerollt und schlummernd vorzufinden, als ich durch die Wagen ging. Ich kann, außer in meinem Bett, nirgends schlafen und ich reise nicht gern. Aber ich mußte nach Porto, also fuhr ich hin.
Und da ich nicht wußte, ob es in der Stadt mehr als einen Bahnhof gibt, lehnte ich mich, sobald der Zug hielt, aus dem engen Fenster – es war wohl so gestaltet, um Selbstmorden entgegenzuwirken – und fragte ein Paar, das vorbeiging, ob das Porto wäre. Sie lachten nicht, sie sagten nur ja. Ich stieg aus und nahm ein Taxi. Ich hatte ein Zimmer im »Meridien« reserviert, aus dem guten Grund, weil alle Meridiens gleich sind. Blödsinnigerweise dachte ich, als ich bezahlen wollte, dass ich keine Devisen bei mir hatte und dann erinnerte ich mich, dass ich keine Devisen brauchte, weil ich Portugal nicht verlassen hatte. Es kam mir vor, ich weiß nicht warum, als wäre ich im Ausland.

Was heißt es Portugiese zu sein? Ich bin kein Soziologe, aber es dürfte ein Mensch sein, der es nicht merkwürdig findet, dass es ein Gebirge gibt, dass Estrela heißt – ich sage das, weil ich einmal nachts eine Amerikanerin kennenlernte, die dachte, dass Afrika gleich hinter dem Tejo anfangen würde, und dass man es demzufolge vom Terreiro do Paço aus sehen könnte. Ich hielt es übrigens nicht für notwendig, sie zu berichtigen. Portugiesen sind Menschen, die, wenn sie Eusébio spielen sehen, direkt oder indirekt fühlen, dass er zur Familie gehört; die die Tradition pflegen, auszuspucken, wenn sie spazierengehen – eben solche Sachen, die man gemeinsam hat. Und natürlich bedeutendere Dinge wie die gleiche Sprache zu sprechen. Aber genau hier beginnen die Dinge kompliziert zu werden. Das Portugiesisch, dass ich in Porto hörte, ist syntaktisch besser ausgearbeitet und die Wörter angemessener, als das Portugiesisch, dass man in Lissabon spricht. Ich will sagen, man spricht dort besser. Ich bemerkte es, als ich mich im türkischen Bad, wo ich mich viel länger als gewöhnlich aufhielt und der Dampf mir die Sicht nahm, von dem Klang und der Art und Weise zu sprechen faszinieren ließ. Sie sagen die Dinge vollständig, wenn ich mich so ausdrücken darf, was moralische Qualitäten wie Mut und Direktheit voraussetzt; oder, um deutlich zu sein, sie sprechen nicht auf portugiesisch, wie wir, sie sprechen portugiesisch, Punkt.
Aber ich bin zerstreut und muß mich konzentrieren, sonst werde ich nie fertig mit dem, was ich erzählen will. Ich drehe meine Runden. Ich bin nicht aus Porto. Wenn ich aus Porto wäre, würde ich schneller und sicherer Auto fahren, mehr und besser trinken und nicht glauben, alle bekannten Leute zu kennen, in Wirklichkeit jedoch so wenige.

Ich saß also auf einer Terrasse in Foz, mit weißen Fahnen, die im Wind wehten, dem Meer, dass an die Felsen schlug und einer Frau an meiner Seite, die Pfefferminztee trank. Das war am zweiten Tag meines ersten – und einzigen – Aufenthalts in Porto.
Ich hatte mich letzte Nacht sehr spät hingelegt. Ich konnte nicht schlafen, obwohl das Zimmer exakt denen der anderen Meridiens glich, und hörte nicht auf, mich durch die Fernsehkanäle zu zappen. Aus genau diesem Grund habe ich zu Hause keinen Fernseher – weil ich nichts anderes tue, als in das Gerät zu schauen, wenn ich eines vor mir habe, und da ich, wie ich schon sagte, kein Dichter bin, muß ich arbeiten. Ich fasste mir ein Herz – komisch, dieser Gebrauch des Verbs fassen – duschte mich, zog mich an, fuhr mit dem genau gleichen Fahrstuhl wie in allen Meridiens hinunter, stieg in das Taxi, das vor der Tür des Hotels wartete und sagte: »Aniki-Bóbó«. Ich weiß, das ist ein eigenartiger Name, aber ein Freund, Pité, hatte mir gesagt, dass ich ins »Aniki-Bóbó« gehen müsste, und das tat ich. Nicht um ihm den Gefallen zu tun, sondern einfach weil ich nicht einschlafen konnte.
Man ließ mich hinein, obwohl man mich nicht kannte, was mir ein bißchen Trost verschaffte. Ich bestellte etwas zu trinken, weil ich Durst hatte, und ein weiteres Glas zum Entspannen. Ich mag keinen Alkohol. Und da war es: das Ambiente war nicht viel anders als im »Frágil« – besser war nur die »Gulbenkian« meiner Jugend, würde ich sagen – aber es war anders, als wäre man in einem fremden Land und ich wußte nicht warum. Aber ich bekam es bald heraus.
Rui Reininho, den ich sehr gut kannte, woran die Erfindung der Fotografie schuld ist, und den ich auf eine Weise verehre, dass meine Kollegen es nicht zu wissen brauchen, kam zu mir und sagte etwa: »Sind sie nicht der, der den Pessoa-Preis gewonnen hat und diese Woche im »Expresso« erschienen ist?« Da haben wir es: die Portugiesen kaufen den Expresso sonnabends, die Iren nicht. Ich sagte, mit leichtem Stolz, der meinen Körper aufrichtete, »Ja.«
Ich bin von Beruf Mathematiker, Topologie ist mein Forschungsgebiet und ich habe in Princeton einen wichtigen Beitrag zum Beweis des weithin berühmten Theorems der vier Farben veröffentlicht, das, wie man weiß, seit den Arbeiten von Appel und Haken als unbeweisbar galt, obwohl es schwer etwas einfacheres auf der Welt geben dürfte. Deswegen habe ich den Preis gewonnen (Ich habe mich noch nicht entschieden, wie ich das Geld ausgebe.), und mein Foto erschien in einer Zeitung. Und das erlaubte es Rui Reininho, was alle brennend interessiert, mich im »Aniki-Bóbó« wiederzuerkennen (was für ein eigenartiger Name!). Aber nicht deswegen liebe ich die Mathematik. Die Mathematik ist die Musik des Himmels, wo die Dinge perfekt sind, komponiert und gespielt von Gott, der sich nicht darüber sorgt, was auf der Welt passiert, der so sehr damit beschäftigt ist, dass die Welt sich ereignet. Das ist meine Religion, wenn man das Religion nennen kann. Aber ich bin schon wieder dabei, abzuschweifen, in diesem Fall – und das ist noch schlimmer – von Dingen zu sprechen, die nur mich und eine glücklicherweise sehr begrenzte Gruppe interessieren. Wenn es nicht so wäre, gäbe es keinen, der sich mit dem Funktionieren dieser von Natur aus unvollkommenen Welt beschäftigte.
Rui Reininho ermunterte mich, noch ein paar Gläser zu trinken, ohne jede Bosheit, eher im Gegenteil. Er stellte mich zwei Mädchen und einem großen, schönen jungen Mann vor und bat mich dann, die beiden Frauen in ihrem Auto zu begleiten, was ich sehr nett fand, um uns woanders, an einem Ort namens »Swing«, wiederzutreffen.
Erst nachdem ich mich auf die Rückbank gesetzt hatte, mit den beiden Mädchen auf den Vordersitzen, und das Auto sich in Bewegung setzte, verstand ich, dass die beiden Mädchen Rui genauso wenig wie ich kannten und nicht ins »Swing« wollten, sondern lieber woandershin, und dorthin fuhren wir. Ich verstand nichts mehr, ein weiterer Hinweis darauf, dass ich im Ausland war. Die Mädchen wollten um zwei Uhr morgens Billard spielen. Seit den seligen Zeiten auf dem Camões-Lyceum, wo ich immer der beste Schüler in Mathematik war, obgleich ich stets von meiner Mutter daran erinnert wurde, dass es sein könnte, dass man der Beste ist, weil niemand anders gut genug ist, habe ich kein Queue mehr angefaßt.
Danach nahm das eine Mädchen das andere mit zu ihrem Auto, sagte mir, dass ich ihr folgen sollte, und ich gehorchte. Ich weiß unendlich mehr von nichteuklidischer Geometrie als von weiblicher Psychologie, wenn das überhaupt etwas ist, was man kennen kann, und legte meine Hand auf ihre. Sie sagte mir umgehend, dass sie mich zu einer Taxihaltestelle bringen würde, und ich sagte nein, ich würde sie bis zur Haustür begleiten und sie sagte, dass es besser wäre wenn nicht. Aber wir gingen, verabschiedeten uns, und ich habe sie nie wieder gesehen in meinem Leben, obwohl ich mich erinnere, dass ich sie sehr attraktiv fand. Nachdem einige Minuten von der Art, die viel verändern, vergangen waren, verstand ich, was sie mit »besser nicht« sagen wollte. In Porto fahren nämlich keine Taxis durch die Straßen. Ich habe vergessen, meinen Freund João zu fragen, warum. Ich weiß nur, dass ich etliche Kilometer zu Fuß gelaufen bin, bis ich mein unverwechselbares »Meridien« fand. Ich ging jedoch nicht auf mein Zimmer, weil ich plötzlich stehenblieb und bemerkte dass ich leicht angetrunken war. Ich habe schreckliche Angst davor, nicht wieder klar zu werden, und Klarheit ist eine unentbehrliche Bedingung für meine Arbeit.
Der Portier des Meridien ist ein erstaunlicher Junge, und als ich in Lissabon ankam, schickte ich ihm zum Dank eine Postkarte. Er war es, der mir sagte, wenn ich keine Lust hätte zu schlafen, wäre es am besten, ins »Swing« zu gehen, dass sich gleich nebenan befände und es wäre doch noch früh. Es war ganz und gar nicht früh, aber ich tat genau das, vorsichtshalber nahm ich eine kleine Empfehlung mit, die mir ein Kollege geschrieben hatte, denn ich habe immer Angst, dass man mich an öffentlichen Orten nicht hineinläßt.
Ich sage nichts über das »Swing«, weil ich für den Anfang nicht einmal die portugiesische Übersetzung von ”to swing” kenne – in der Topologie ist das Wort nicht gebräuchlich – und schließlich weil ich einige Treppen hinabstieg, Rui traf, der mich umarmte, als wären wir zusammen aufs »Camões« gegangen, und den Kopf verlor. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meinen Kopf verlor, und das letzte Mal.

Es war zehn Uhr morgens, als die mathematische Fakultät anrief, um zu fragen, ob ich eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz da sein könnte. Der Vortrag, den ich halten sollte, hatte den Titel: »Über die Grenzen der Beweisführung am Computer am Beispiel des Beweises des Problems der vier Farben«. Es lief sehr gut. Der logische Schluß ist mit anderen Worten weiterhin das logischste Urteil, über das wir verfügen. Ein Teil der Zuhörer folgte teilweise den Schritten, während der andere Teil regelmäßig zustimmend nickte. Kaum hatte ich geendet, stieg eine Frau auf das Podium, genau dort, wo ich stand. Sie streckte mir die Hand hin und stellte sich vor – sie war Assistentin der analytischen Geometrie, dem anderen schönen Verfahren der Musik Gottes, und fragte mich, welches der formale Unterschied zwischen »wahrscheinlich wahr« und »schlüssig bewiesen« wäre. Ich lud sie ein, mit mir einen Tee zu trinken. Zu Hause trinke ich genau einen und einen halben Liter pro Tag, im Ausland variiert es.
Es ist diese Frau, die mit mir auf der Terrasse in Foz sitzt, das Gesicht dem Meer zugewandt, der Wind bläst von vorn und ich liebe diesen Meeresgeruch, der mir sehr außergewöhnlich erscheint, obwohl ich nichts von Ozeanografie verstehe.
Und wenn ich noch etwas sagen wollte inmitten von all dem, dann gestehe ich, dass es mir entfallen ist und ich nicht mehr weiß, was es war. Ich bin eigentlich sehr zerstreut. Es ist mir schon passiert, dass ich nach meiner wöchentlichen Schwimmstunde meine Schuhe mit anderen vertauscht und es erst am nächsten Morgen bemerkt habe. Aber es kann auch nichts so Wichtiges gewesen sein, sonst hätte ich es nicht vergessen.

Was tatsächlich wichtig ist, ist das Problem der vier Farben, und das ist wirklich unvergesslich: Egal, in wie viele Felder eine ebene Fläche geteilt wird, vier Farben genügen, damit keine zwei benachbarten Felder die gleiche Farbe haben.


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