Pedro Paixão - Das Haus der Wölfe (aus dem Portugiesischen)

Man kann im schönsten Haus leben, aber es ist unsere Seele, die wir von Anfang bis Ende bewohnen.

Ariel Goldberg kam im Februar 1980 nach Lissabon, nach einem sechsstündigen Zwischenstop in Paris. Er brachte drei mit Leder bespannte Holztruhen und eine imense Melancholie mit. In einem Vers von Byron hatte er von der Existenz Sintras erfahren, und das hatte ihm genügt. Sintra enttäuschte ihn nicht, denn für den, der Augen wie er hat, ist Sintra eine Fata Morgana.
Er drückte sich in unterschiedlichen Sprachen aus, je nach Tagesverfassung, fuhr in einer gemieteten Kalesche umher, die von zwei weißen Lusitanern gezogen wurde, und außer zum Schlafen, was er nicht regelmäßig tat, zog er den Smoking nicht aus. Er war reich, so wie andere schön sind, also ohne dass man sich fragt warum. Früh entdeckte er sein sexuelles Desinteresse, was ihn am Anfang sehr ängstigte; im Zuge der Kenntnis der Welt schien es ihm aber zumindest den Vorteil mit sich zu bringen, weniger Zeit damit zu vergeuden, womit andere zuviel Zeit verlieren.
Unter den Blumen mochte er nur den Hibiskus, und unter den Vögeln den Pfau. Die menschliche Rasse erschien ihm zu fremdartig, um sie lieben oder hassen zu können. Er war ein Exilant, ohne ein Heimatland, in das er zurück kehren konnte. Er liebte die Musik auf religiöse Art, Mahler als Pontifex Maximus, als Romantiker, der darauf bestand es zu sein in einer Zeit, die wenig danach war. Deshalb schmerzte es ihn zu leben. Aber er war überzeugt, ohne diesen Schmerz nicht leben zu können. Er war nicht, der er gerne gewesen wäre. Es gibt sehr wenige, die das sind, was sie gerne wären. Das ließ ihn weiterleben, wie die anderen sein ohne es zu wissen.
Die Musik ist hörbare Mathematik, sagte er, und die Mathematik ist die Stille der Sphären, die Kulisse, die bleibt, wenn die Szene wechselt. Die Mathematik, wie die Musik, hatte ihn immer fasziniert durch ihre totale Gleichgültigkeit für die Ereignisse der Welt. Auch Gott kümmert sich nicht um das, was in der Welt passiert, er sorgt nur dafür, dass sie existiert, und das ist schon mehr als genug, könnte er dagegen einwenden. Gegen jedwede Angst, Zweifel, Liebesleid gibt es nichts besseres als einige geometrische Theoreme, riet er manchen.
Nachts ertrugen seine Augen nur Kerzenlicht, tagsüber trank er nur Rotwein aus Kristallgläsern, versuchte, niemals an Plastikgegenstände zu stoßen, das war sein einziger Aberglaube. Er war zerbrechlich. Das elektrische Licht und die Elektrizität im Allgemeinen hatten letztendlich die Menschheit kaputt gemacht, wiederholte er in Übereinstimmung mit Eça de Queiroz, übrigens der einzige portugiesische Autor, den er kannte. Und das bom povo war an Altersschwäche vor den Fernsehapparaten gestorben, während sich der Pöbel durch den Raum wälzte, der übrig blieb. Und der Raum ist knapp, sagte er, der Raum hat die Größe einer Nussschale.
Seine einzige Arbeit war träumen. Und den Traum aufrecht zu erhalten angesichts der Dinge, die dem widerstanden, verausgabte ihn oft. Dann zog er sich in den düstersten Teil seines Sintras zurück und laß tagelang hebräische Texte, deren Sinn er nicht zu verstehen versuchte. Er laß, um nicht denken zu müssen. Danach verbrannte er sie Blatt für Blatt. Er verachtete, was nicht aus Träumen bestand, und alles, was vorhanden war, hatte Gewicht, war träge und nur scheinbar lebendig, dieses war seine Daseinsberechtigung.
Er glaubte an seine Seele und weiter nichts. Er war Jude, weil seine Mutter Jüdin war und das keine Sache ist, die man sich aussucht, und er war gewalttätiger Antisemit, was nur scheinbar ein Widerspruch ist. Wenn die Überlegenheit der Juden darin bestand, nicht von dieser Welt zu sein, sollten sie sie konsequenterweise verlassen, argumentierte er ohne weitere Erklärungen. Er bedauerte alle Menschen, besonders die, die nicht zu bedauern waren, weil sie entschlossen waren, sich selbst zu täuschen. Er lachte wenig und scheinbar ohne Grund. Er lachte über sich. Er hatte blondes, langes, nach hinten gekämmtes Haar, eine Brille mit rauchigen Gläsern und einem feinen Metallgestell, wie unsere Großeltern auf Fotos.
Immer an bestimmten Tagen schickte ihm seine Mutter Geld, jeden Monat, auf ein Konto einer Bank im Chiado, wo er es pünktlich abhob und unverzüglich ausgab. Er liebte es zum Beispiel, verschiedene weiße Stoffe zu kaufen für Hemden, die er nur einmal anzog, und die die alte Hausangestellte auf dem Markt verkaufte, er kaufte viel mehr Bücher, als ein Mensch jemals lesen kann, Platten, die er spielte, bevor er das Haus verließ zum Spazierengehen – er mochte nur Schubert und Schumann – und gab den Rest denjenigen, die ihn um was auch immer baten. Er wusste, dass sie ihn für verrückt hielten, aber es störte ihn nicht, denn auf ihre Art mußten sie damit zugeben, dass sie nicht wussten, wer er war.
Einen Beruf zu haben ist lediglich der geringste Teil von dem, was man sein kann, versicherte er. Er lebte ohne jede Hoffnung, Erwartung oder Ehrgeiz. Es trugen ihn die Regeln, die er sich gab und deren einziges Kriterium war, Ausnahmen des Üblichen zu sein. Die Gewohnheit erschien ihm noch furchtbarer als der Tod, welcher zumindest den bedeutenden Vorteil hat, immer präsent zu sein ohne sich dabei zeigen zu müssen.
Er hatte keine Geschwister. Der Vater hatte ihm das Vermögen hinterlassen, er konnte es ihm nicht danken. Er war bei einem Zugunglück in Venezuela gestorben, bevor er sprechen lernte. Die Mutter war seine einzige Liebe, und damit wir das Gefühl irgendeiner Liebe aufrechterhalten können, müssen wir uns weit von ihr entfernt halten, so rechtfertigte er sich selbst gegenüber seine ziellose Reise. Er trug kein Foto von ihr bei sich, weil er es nicht ertragen hätte, sie sich gealtert vorstellen zu müssen. Die vollendete Liebe besteht aus Träumen, sagte er, und ich liebe meine Mutter. Er sprach mit ihr jeden Tag gegen Morgen am Telefon.
Er fuhr mit dem Gespann durch die Straßen Sintras spazieren, mit hohem Hut, weißen Handschuhen und einer kalten Zigarre in der Hand. In den Mondscheinnächten unterhielt er sich, indem er das Heulen der Wölfe nachahmte und sein Echo hörte. Er schlief winters wie sommers auf dem Boden des Wohnzimmers in scharlachrote Decken gewickelt vor dem Kaminfeuer. Jedes Bett langweilte ihn.
Auf Grund ihrer Sehnsucht und um ihn zur Rückkehr zu zwingen, hörte die Mutter eines Tages auf, ihm das monatliche Geld zu schicken. Es störte ihn nicht. Er zog in ein Nebengebäude des Hauses des Kutschers und hörte auf zu essen. Er trank Tee mit etwas Milch und hielt das für ausreichend.
Man sah ihn an den folgenden Nachmittagen unbeweglich auf eine Bank gesunken, eine merkwürdige Figur wie aus dem Gemälde von Bosch darstellend, das im Museum Janelas Verdes hängt, und er murmelte, dass er es wäre, der dort zu sehen sei, bei einer Brücke sitzend, mit hohem Hut, rotem Umhang und einem in den Boden gerammten Schwert. Zumindest geht das Gerücht, dass er gesehen wurde, wie er dies erzählte.
Und so begannen im Verlauf der Jahre gleichsam die Menschen, die jeden Tag mit ihm verkehrt hatten, zu zweifeln ob er nicht ein Traum oder eine Täuschung gewesen war.
Der Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren ist dramatisch. Es ist keine Sache, die man sieht, die sich messen oder vergleichen ließe. Die Menschen wissen, dass sie sterben. Nur das ist es, aber es verändert alles, so verabschiedete er sich vom Kutscher, seinem Freund, bevor er nie mehr gesehen wurde.
Und in der Serra da Sintra konnte man nie mehr Wölfe heulen hören.


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